Eine Geschichte zum Muttertag

Prösterchen, auf den Muttertag –

„Muttertags-Geschichten sind immer so sĂŒĂŸ, so niedlich, so heile Welt. Aber das Leben ist nicht so, auch nicht am Muttertag. Jedenfalls nicht bei mir!“
„Wie bitte?“ Katrin, die Bistrobesitzerin, sah Ihren Gast erstaunt an. Es war eine alte Dame, die vor einer Tasse Kaffee saß und unruhig mit der Gabel das StĂŒck Apfelkuchen zerkrĂŒmelte.
„Haben Sie mit mir gesprochen? Ich konnte Sie nicht genau verstehen.“
„Nein, nein! Ich habe mit mir selbst gesprochen. Wissen Sie, ich bin viel allein und dann gewöhnt man sich solche Dinge an!“, sie lĂ€chelte gewinnend und Katrin hatte das BedĂŒrfnis, sich ein wenig zu der Dame zu setzen.
Mit zwei GlĂ€schen Eierlikör kehrte sie zum Tisch der Fremden zurĂŒck.
„Darf ich Sie zu einem kleinen Gaumenkuss einladen? Eierlikör. Hausgemacht. FĂŒr kleine Gelegenheiten, zum Freuen, zum Traurig sein, ach, zu allem. Probieren Sie!“
Die Augen der alten Dame leuchteten.
„Ich liebe Eierlikör, und dass er ein Gaumenkuss ist, das kann ich wohl bestĂ€tigen. Vielen Dank!“
Katrin setzte sich und hob ihr Glas.
„Auf die Gesundheit!“, sagte sie.
„Auf die Gesundheit!“ Ihr Gast hob das Glas an die Lippen, kostete und seufzte genussvoll.
„Das ist ein besonders feiner Schatz! Ich weiß ihn sehr zu genießen, denn eigentlich …“, sie grinste verschmitzt. „Eigentlich dĂŒrfte ich so etwas Feines gar nicht mehr trinken. Gar nichts mehr darf man, wenn man alt ist. Alt und nutzlos!“
„Das dĂŒrfen Sie niemals sagen und auch nicht denken. Wir werden alle einmal alt sein, aber sind wir deswegen nutzlos? Nein!“, sagte Katrin. „Aber darf ich fragen, warum Sie keinen köstlichen Eierlikör trinken dĂŒrfen? Ist es etwa der Zucker, der es ihnen verbietet?“
„Zucker!“ Die alte Dame lachte hellauf.
„Der kann mir gar nichts verbieten. Und auch nicht all die anderen, die meinen, mir etwas vorschreiben zu können. Ha! Stellen Sie sich vor: Sie sagen mir, wie ich zu leben habe. Trinke keinen Kaffee, höchstens ein TĂ€sschen am Morgen. Iss nicht dies und nicht das und … ach, am besten gar nichts. Gehe nicht allein in die Stadt. Und so weiter und so fort. All das schreiben sie mir vor. Aus der Ferne. Pah!“
„Wer denn, wer schreibt Ihnen das alles vor?“, fragte Katrin und man sah ihr an, dass sie entsetzt war ĂŒber das, was die alte Dame ihr erzĂ€hlte. Sie hob ihr Glas noch einmal an.
„Prösterchen!“, sagte sie.
„Das sind die, die mich am meisten lieben. So sagen sie. Meine Kinder und Enkel.“
Vor Aufregung schummelte sich ein kleiner Schluchzer in ihre Worte.
„Die, die nie da sind und doch alles besser wissen.“ Sie hob ihr leeres Glas. „Darauf trinken wir.“
„Warten Sie, ich schenke nach! Wir lassen uns doch nichts verbieten, oder?“, fragte Katrin.
„Auch nicht von den Kindern und Enkeln, von denen schon gar nicht!“
„Das kommt nicht in die TĂŒte! Und darauf stoßen wir an! Prosit!“ Die alte Dame lachte. „Prosit mit Eierlikör! Das hatte ich auch noch nie in meinem langen Leben. Sie etwa, junge Frau? Haha! Komisch ist das! Urkomisch!“
„Ich habe lange nicht so viel Freude mit einem Gast gehabt!“, sagte Katrin, die sich aber dann doch um andere Bistrotbesucher kĂŒmmern musste.
„Machen Sie nur, ich bleibe einfach noch ein bisschen sitzen und genieße das sĂŒĂŸe GefĂŒhl!“, verkĂŒndete die Dame und als sie spĂ€ter ging, lag ein seliges LĂ€cheln in ihrem Gesicht!

© Regina Meier zu Verl

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